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Pyjama St. John
von Hanna Lemke

(Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung am 6. September 2014)

Pyjama St. John

St. John ist nicht nur eine Insel in der Karibik, St. John ist auch die englische Be-zeichnung für Johanniskraut. Traditionell wird diese Heilpflanze gegen depressi-ve Verstimmungen und innere Unruhe eingesetzt. Und irgendwie passt es da, dass Johanniskrautpflanzen besonders robust zu sein scheinen. Fast weltweit verbreitet sind sie – Lena Inken Schaefer hat Johanniskraut zum Beispiel direkt an der Autobahn gefunden. Sie hat die Pflanzen getrocknet, dann eingeweicht und gekocht. Den Sud hat sie verwendet, um Stoff einzufärben – aus dem sie ei-gens einen Pyjama hat schneidern lassen.
Der Pyjama an sich blickt übrigens auf eine lange Geschichte zurück: Im 17. Jahr-hundert durch die Englänger von Indien nach Europa gelangt, verdrängte er mit der Zeit das Nachthemd für den Herren. Fast rührend altmodisch wirkt dieses Kleidungsstück heutzutage, zumal der Schnitt, den Lena Inken Schaefer gewählt hat, aus einem längst vergangenen Jahrzehnt zu entstammen scheint. So, wie man einen Anzug hat, um zur Arbeit zu gehen, hat man auch einen Anzug, um schlafen zu gehen. Alles hat seine Ordnung, scheint der Pyjama uns versichern zu wollen. Aber wir wissen, dass das nicht stimmt.
„Die Tage sind lang, die Nächte kalt (Pyjama)“, so lautet der Titel dieser Arbeit. Und es bleibt fraglich, ob man mit dem hier ausgestellten Stück eine ausgelassene Pyjamaparty feiern wird. Es handelt sich um einen sogenannten Shorty mit kurzen Ärmeln und kurzer Hose. Eine schöne Vorstellung, dass der johannis-krautgetränkte Stoff den Schläfer einhüllt, ein Antidepressivum aus Wollstoff, wirksam über Nacht. Aber der Körper ist niemals ganz bedeckt – ein Frösteln bleibt.

Direkt gegenüber vom Pyjama hängt ein Schränkchen aus Walnussholz, darin zwei zusammengeknüllte (oder auch absichtlich so drapierte?) Wollstoffstücke, von Lena Inken Schaefer mit Walnussschalen eingefärbt. Die optische Parallele zwischen einem Walnusskern und dem menschlichen Gehirn liegt auf der Hand – und auch der Faltenwurf des Stoffs weist Ähnlichkeit zu den Gehirnwindungen auf. Die unterschiedliche Farbe – das eine Stoffstück intensiv braun, das andere schwächer und gräulicher – resultiert aus dem sogenannten ersten bzw. zweiten Zug beim Färben. Und so unterscheidet sich wohl auch manch erster, spontan geäußerter Gedanke von einem zweiten, der durch Abwägung, Einspruch oder Zweifel bereits an Kraft und Glanz verloren hat. „Während die Walnuss Zeit mit dem Menschen verbrachte, wuchs ihre Frucht, und ihre Schale wurde dünner“ ist der im wahrsten Sinne des Wortes märchenhafte Titel dieser Arbeit. Die Türen am Schränkchen stehen derzeit offen, lassen sich aber jederzeit schließen. Dann liegt der Stoff geschützt im Dunkeln, wie ein Geheimnis, das man für sich behält.

Auch Stofftaschentücher hat Lena Inken Schaefer eingefärbt – mit Zwiebelscha-len. Womit auch sonst? Ihre Auseinandersetzung mit der uralten Tradition des Färbens scheint sie hier mit einem Augenzwinkern zu kommentieren. „Gestauch-ter Spross“ – die botanische Bezeichnung der Zwiebel dient als Titel dieser Ar-beit. Unweigerlich denkt man an den Sprössling, das Kind, das, von gestrengen Eltern zusammengestaucht, wohl auch die ein oder andere Träne vergießen mag.

Ein Tisch aus Buchenholz steht ebenfalls im Flur, schlicht, nur die Tischbeine weisen jeweils eine identische Drechselarbeit auf. Schaut man genauer hin, er-kennt man, dass es sich dabei um das Profil eines Gesichts handelt – es ist das von Lena Inken Schaefer. Eine außergewöhnliche Form des Selbstportraits, vier-fach und doch nicht auf den ersten Blick zu erkennen, unterhalb des eigentlichen Geschehens und doch tragend.

Im kleinen und großen Ausstellungsraum kommt Lena Inken Schaefer auf ein Thema zurück, mit dem sie sich schon seit Längerem beschäftigt. Immer wieder hat sie Motive und Muster von Geldscheinen, die aus Zeiten der deutschen Infla-tion in den Jahren 1914 bis 1923 stammen, isoliert und vergrößert. Zwei der Ar-beiten sind im großen Ausstellungsraum zu sehen. Und auch die verspielt wir-kenden Kringel an den Wänden stammen von diesen Geldscheinen. Jeder kennt wahrscheinlich die historischen Fotos von dem Mann, der mit wertlos geworde-nen Scheinen einen Raum tapeziert, oder von der Frau, die ihren Ofen damit an-heizt. Auch in den Ausstellungsräumen gibt es jeweils einen Ofen, und die Krin-gel dürfen durchaus an Rauchwölkchen erinnern. Etwas löst sich in Luft auf, ein Wert, eine Sicherheit, ein System.

Oder ein Mensch. Eine Matte liegt in der Mitte des kleinen Ausstellungsraums, grau wie der Fußboden, der Bezug aus Baumwolle, gefärbt mit Farn. Farnsamen, so heißt es in alten Sagen, sollen unsichtbar machen. Sicher ist, dass Farne zu den ältesten Pflanzen der Welt gehören, lange vor uns da waren und lange nach uns da sein werden. Und ebenso wie bei dem Pyjama ist es bei dieser Matte fraglich, ob sie den Schläfer zu einem glücklichen Schläfer machen wird.
Zehn Fossilien, in Nachttischposition neben der Matte, zeigen versteinerte Farne, nur noch als Abdruck sichtbar, ganz starr – und ganz anders als die Wirbelsäule, mit der der Farn in der Signaturenlehre gleichgesetzt wird. „Zu dieser Zeit war er selbst so groß wie die Bäume in deren Schatten er jetzt lebt (Farn)“, auch in die-sem gleichermaßen rätselhaften wie melancholischen Titel schwingt das Thema „Verschwinden“ mit, das sich hier auf die Inflation, die Farnsamen, auch auf das Selbstportrait als Tischbein beziehen lässt.

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St. John's is not only an island in the Caribbean. It's also the name of a medicinal plant traditionally used to treat depression and anxiety. Doesn't it seem fitting, then, for the plant itself to be very robust? St. John's wort can be found all over the world, and even grows next to highways. Lena Inken Schaefer found the plant next to a German autobahn that cuts through an industrial park. In her studio, she dried, soaked and boiled the plant, using the decoction to dye fabric which she then had made into a pair of pyjamas. Pyjamas, by the way, have a long history. They were brought from India to Europe in the 17th century by the English, and over time replaced men's nightshirts. It’s questionable whether anyone will ever have a jolly slumber party wearing Lena Inken Schaefer's pyjamas, a so-called shorty with short sleeves und legs. Even though the St. John's wort-soaked fabric promises comfort, it does not cover the whole body; a chill remains.

Opposite the pyjamas is a little cupboard made of walnut, holding two wadded (or intentionally arranged?) pieces of woolen material dyed using walnut shells. The visual resemblance between a walnut and a human brain is clear. The arrangement of the folds in this case also bears resemblance to the brain and its cortical convolutions. The difference in color–one piece is lushly brown, the other one more dim, and greyish–is a result of the first and second dye baths, respectively. A reference, perhaps, to our spontaneously expressed first thoughts, and those that follow, subject to consideration, objection, and doubt and less powerful and glorious as a result. The doors on the cupboard are open for the time being, though they can be closed at any moment – leaving the pieces of material protected in darkness like a closely held secret.

Lena Inken Schaefer has also dyed handkerchiefs – using onion skins, of all things. It would seem that the artist is self-ironically commenting on her artistic use of ancient dyeing methods.

In the hallway is a simple table made of beech wood, its only decorative elements being four identical turnery legs. A close look reveals that the outlines of the turnery work resemble a facial profile – the artist's face, to be exact. It's an unusual type of self-portrait, quadruple in nature, but still not recognizable at first glance; located beneath the principal matter, but still fundamental.

In both the small and the large exhibition space, Lena Inken Schaefer returns to a subject she has been concerned with for a long period of time. She has repeatedly chosen and enlarged motifs and patterns from German banknotes issued between 1914 and 1923, years of rampant inflation. Two of these pieces are displayed in the large exhibition space. Even the seemingly cheerful paper curls and whorls covering the walls stem from these banknotes. Most of us have seen the historical images of a man wallpapering a room with worthless banknotes, or of a woman burning them in her stove as fuel. Stoves you can find in the exhibition spaces as well, and the curls and whorls might very well remind us of little clouds of smoke. Something is disappearing into thin air, a value, a guaranty, a system.

Or a human being. Lying in the centre of the small exhibition space is a mat on the ground, grey as the floor itself, its cover made from fern-dyed cotton. Fern seeds, legend says, will make you invisible. In fact, fern plants are one of the oldest plants on earth; they've been here way before us, and will still be here long after we are gone. Again we feel reminded of the pyjamas, and we wonder if the mat will make anyone sleep happily ever after. Next to the mat, bedside table position, are ten fossilized ferns, the plants recognizable only by the rigid impressions left behind. They in no way resemble the vertebrae that they are equated with in the doctrine of signatures.

Photos: Björn Behrens














The days are long, the nights are cold (June, Pyjama), 2014
dyed wool fabric (St. Johns wort), 2 pcs.


Gestauchter Spross (Compacted Scion), 2014
24 handkerchiefs, dyed cotton (onion skin)




While the walnut was spending time with men, the nut itself grew bigger while the shell got thinner
Dyed wool fabric (walnut shells), cupboard made of walnut, 2014


Pyjama St. John, Künstlerstätte Stuhr-Heiligenrode, 2014


She stirs the fire, he sits against the wall, 2014
Paper cutouts on wall














Table, beech wood, 2014



Back then, it grew as tall as the trees in whose shade it now resides, 2014
Dyed cotton fabric (fern), 10 fossilized ferns